
Wer mit indischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeitet, kennt vielleicht diese Situation:
„Can you have it ready by next Friday?“ „Yes, no problem.“
Alle nicken. Die Sache scheint geklärt. Am Freitag ist die Aufgabe nicht fertig.
„No problem. You will have it next Friday.“ Und eine Woche später hört man wieder dasselbe.
Für deutsche Unternehmen kann das ziemlich frustrierend sein. Gute Planung ist in deutschen Firmen fast eine Charakteraussage, und „schwimmende“ Deadlines kommen schnell einem Vertragsbruch nahe.
Indische Fachkräfte sind aus der internationalen Wirtschaft längst nicht mehr wegzudenken. Indien ist ein wichtiger Standort für IT, Engineering, Forschung und internationale Dienstleistungen. Viele indische Fachkräfte arbeiten täglich auf Englisch mit Unternehmen auf der ganzen Welt zusammen.
Und trotzdem kann die Zusammenarbeit manchmal erstaunlich aufwendig sein.
Das Interessante daran: Das Problem liegt häufig nicht bei der Qualifikation. Und auch nicht unbedingt bei den Englischkenntnissen – auch wenn der indische Akzent von vielen unserer Teilnehmenden als einer der schwierigsten empfunden wird.
Es liegt vielmehr darin, dass wir dieselben Worte verwenden und ihnen unterschiedliche Bedeutungen geben können.
Das wohl bekannteste Beispiel ist das indische „Yes“. Wenn ein deutscher Kollege fragt: „Can you finish this by Friday?“ und die Antwort lautet: „Yes.“
interpretiert die deutsche Seite das normalerweise als klare Zusage:
Ja, ich werde es bis Freitag fertigstellen.
In einem anderen kulturellen Kontext kann „Yes“ zunächst aber auch bedeuten:
Ja, ich habe verstanden, was du von mir möchtest.
Das ist nicht dasselbe. Warum wird dann nicht einfach „No“ gesagt?
Unter anderem, weil direkte Ablehnung oder das offene Infragestellen einer Vorgabe in stärker hierarchisch oder beziehungsorientierten Kommunikationskulturen schwieriger sein kann. Ein „Nein“ kann als konfrontativ oder unhöflich empfunden werden.
Also bleibt man lieber bei: „Yes, no problem.“ Und versucht anschließend, die Situation irgendwie zu lösen.
Für die deutsche Seite sieht das allerdings schnell nach einer nicht eingehaltenen Zusage aus. Und das wiederum kann dazu führen, dass das indische Gegenüber an Glaubwürdigkeit verliert. Das Problem: Die andere Seite ist sich dessen möglicherweise gar nicht bewusst, weil Höflichkeit in dieser Situation höher gewichtet werden als eine eindeutige Absage.
Ähnliches gilt für das Nicken im Meeting. Wir sehen jemanden nicken und denken:
Er stimmt zu.
Dabei kann ein Nicken auch bedeuten:
Ich höre zu.
Das ist eine ganz andere Aussage – und ein sehr häufiges Missverständnis, das oft nicht einmal wahrgenommen wird.
Wir interpretieren das Verhalten des anderen mit unseren eigenen kulturellen Maßstäben und merken gar nicht, dass wir gerade etwas hineininterpretieren.
Ein weiterer Unterschied kann bei der Erwartung an Eigeninitiative entstehen.
In Deutschland gilt es häufig als positiv, wenn jemand eine Aufgabe nicht nur erledigt, sondern links und rechts gleich mitdenkt oder den nächsten Schritt selbstständig übernimmt.
In anderen Arbeits- und Bildungskulturen kann dagegen das korrekte Ausführen einer klar definierten Aufgabe stärker im Vordergrund stehen.
Die Aufgabe wird dann genauso erledigt, wie sie beschrieben wurde. Vielleicht sogar deutlich schneller als bei uns.
Aber eben auch nicht mehr. Beide Seiten können sich dabei völlig professionell verhalten – und trotzdem vom anderen gefrustet sein.
Wenn eine Terminzusage nicht „mit Blut unterschrieben“ ist, sondern mit einiger Wahrscheinlichkeit eher so etwas wie „Wir werden es versuchen“ bedeutet, dann müssen wir lernen, die richtige Frage zu stellen.
Nicht:
„Can you do it by Friday?“
Sondern beispielsweise:
„How confident are you that you can deliver it by Friday?“
Oder ganz direkt:
„Is Friday a realistic deadline?“
Damit kann man eher zu einer tatsächlichen Einschätzung kommen.
Und im interkulturellen Business geht es häufig darum, die richtigen Fragen zu stellen.
Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frage und Antwort nicht immer eine klare Sache sind. Ein „Ja“ kann 50 Shades of Grey haben.
Umgekehrt werden wir im Ausland gerade für unsere Eindeutigkeit und Verbindlichkeit geschätzt.
Wenn wir verstehen, dass ein „Ja“ im Kopf unseres Gegenübers anders übersetzt werden kann, ersparen wir uns viel Zeit und Ärger. Und wir können anfangen, unsere Energie darauf zu verwenden, die richtigen Antworten zu finden.
Das ist letztendlich entscheidend für gelungene Projekte mit indischen Kollegen – und vielleicht auch mit allen anderen.